In diesem Artikel nehme ich euch mit auf die Achterbahnfahrt, die ich als Chemopatient mache – kurz vor der nächsten Chemo…

Vorab muss ich fairerweise darauf hinweisen, dass die Familie und enge Freunde diese Achterbahn teilweise mitfahren müssen. Das hängt damit zusammen, dass ich nicht immer mein Innerstes verberge bzw. verbergen kann.

Bis hierhin kann ich wohl behaupten, dass dies wohl für fast alle Chemopatienten zutrifft. Alles was ihr jetzt lest, ist sehr persönlich und individuell. Es wird beeinflusst von der Krebsart, Lebensaussichten, Nebenwirkungen, Erfahrung mit Chemotherapie und vielen anderen Faktoren…

Vor der eigentlichen Chemo werden die Blutwerte kontrolliert. Hauptsächlich der Stand der Leukocyten, Thrombozyten und Hämoglobinwert entscheiden darüber, ob die Chemotherapie überhaupt durchgeführt werden kann. Meine erste Achterbahn beginnt damit, dass ich 1-2 Tage leicht nervös werde, wie das Ergebnis dieser Untersuchung ausfällt. Erstens sagt die Untersuchung etwas über meinen Körper und seinen Zustand aus, was ich nicht fühle. Das kann sehr positiv, aber auch frustrierend sein. An manchen Tagen freue ich mich sogar über ein schlechtes Ergebnis, weil die Chemo dann verschoben wird oder sogar ganz ausfällt.

Da ich “nur noch” palliativ behandelt werde, ist eine Verschiebung nicht so tragisch. Für mich bedeuten 3-8 Tage Verschiebung vor allem, dass meiner Körper sich etwas erholt, die Verdauung sich halbwegs (!!!) normalisiert und ich mit Appetit und Geschmackssinn essen kann. Man ist dann einfach hin und hergerissen. Verschiebung bedeutet ein paar gute Tage mehr, gute Blutwerte bestätigen, dass ich die Chemo insgesamt einigermaßen vertrage, nix geändert oder gar aufgegeben werden muss.

Gestern hatte ich wieder so eine Blutuntersuchung. Das Ergebnis war so schlecht, dass die Mitarbeiterin extra noch mal nachgefragt hat, ob man die Chemo “durchziehen” kann. Da ist man als Patient natürlich noch mal extra in Vorfreude auf das, was da kommt… Und hier beginnt die eigentliche Achterbahnfahrt:

Ich genieße jeden Moment, den ich nicht auf dem Klo sitze, den ich nicht Bauchschmerzen habe und fit genug bin, mich mal ein paar Minuten unter die Dusche zu stellen, weil da einfach erfrischendes, heißes Wasser kommt. Man freut sich, noch mal noch ein wenig Zeit vor der “Giftbetankung” = Chemo (fast) ohne Nasenbluten, Schüttelfrost und totaler Erschöpfung zu haben, gelegentlich bringe ich sogar die Kraft und Motivation für einen kleinen Spaziergang auf. Heute hat es sogar noch für eine Rasur (olala, die war nötig!) gereicht. Diese Freudenmomente werden erschüttert von emotionalen Momenten (ich sterbe bald, kommt meine Familie ohne mich klar, ich will noch meine Enkelkinder sehen, ich sterbe vor meinen Eltern, …)  und der Erinnerung, was bei den letzten Chemos alles schief gegangen ist. 24 Stunden vorher überlege ich mir, ob ich überhaupt noch was esse: sich mit Tropf für eine halbe Stunde (keine Übertreibung) aufs Klo zu setzen, ist nicht schön.  Auch nicht für die Leidensgenossen, die dann warten müssen… Man denkt an die direkten Wirkungen bei der Chemo. Ich habe während der etwa 5stündigen Behandlung ab der 60. Minute ein widerliches Bauchdrücken, ca. 60 Minuten Schüttelfrost und anschließend ca. 60 Minuten hässliche Schwitzattacken. Teilweise wird mir sehr schummrig. Es ist dann grenzwertig, wann und ob ich den Schwestern bescheid gebe. Nach ihren Erfahrung mit mir (bin schon 2-3 kollabiert und ein Mal wegen Thrombose als Notfall ins Krankenhaus verfrachtet worden) werden sie leicht hektisch…

All die Gefühle, Erinnerungen und reale körperliche Herausforderungen machen die Zeit vor der Chemo zumindest für mich zu reinem Stress, den ich mit Schlafen oder Beschäftigung am Computer versuche zu bewältigen. Leider ist er auch nach über 60 Behandlungen nicht weniger geworden. Erfreulicherweise geht es mir dann direkt nach der Chemo für ein paar Stunden besser als vorher, was allerdings leider nicht lange anhält…

Insgesamt entscheide ich mich trotzdem für Dankbarkeit bei dieser Achterbahnfahrt: für meine Frau, meine Eltern, meine Kinder und weitere Familienmitglieder, Pflegepersonal, Taxifahrer, Ärzte und Freunde, die helfen, unterstützen, motivieren und mich ertragen. Am meisten aber hilft mir mein Glaube an dieses Geburtstagskind an Heiligabend, das in einer (damals schon!) verrückten Welt heran wuchs und mein Retter wurde!

2 Antworten

  1. Ach man, es tut mir weh wie der Krebs in die wütet. Ich bete für dich bzw euch sooft es geht. Wie gut ist es dass du an Gott fest hälst.

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